Zum Hauptinhalt springen

Wissen  ·  Hintergrund

Von der Kohle zur Wärmepumpe

Hamburgs Wärmeversorgung im Wandel

Von Benjamin Barge · Stand: 01.05.2026 · Lesezeit ca. 7 Minuten

Wer heute über Wärmewende spricht, redet meistens über die Zukunft: Wärmepumpe, Fernwärme, Wasserstoff, GEG. Was dabei oft untergeht: Die Frage, wie wir Gebäude warm bekommen, hat Hamburg über zwei Jahrhunderte immer wieder neu beantwortet. Wer den heutigen Umbruch verstehen will, lohnt einen Blick zurück.

Vor der Kohle: Holz und Torf

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurde in Norddeutschland vor allem mit Holz und Torf geheizt. Torf war in den umliegenden Mooren reichlich verfügbar und für viele Haushalte günstiger als importiertes Holz. Geheizt wurde mit Einzelöfen — eine zentrale Heizung gab es nicht. Wer ein warmes Zimmer wollte, musste den Ofen befeuern, wer Wasser warm brauchte, kochte es auf dem Herd.

Diese Form der Wärmeversorgung war regional, kleinteilig und arbeitsintensiv. Aber sie reichte für eine Stadt, deren Wachstum noch nicht durch Industrialisierung beschleunigt war.

Die Kohle-Ära beginnt

Das änderte sich Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit der Industrialisierung und dem rasanten Wachstum Hamburgs wurde Steinkohle zum Brennstoff der Wahl — heizstärker als Holz und Torf, transportabel über Schiff und Bahn.

Hamburg war für diesen Umbruch ideal aufgestellt: Der Hafen wurde zum wichtigsten Kohleimport-Standort Norddeutschlands. Britische Kohle kam aus Newcastle und South Wales per Schiff, später kam Ruhrgebietskohle per Bahn dazu. Kohlehändler entstanden in der ganzen Stadt. Sie organisierten Lagerung, Sackware und Lieferung an die Haushalte — ein Geschäft, das körperlich hart war und Generationen ernährte.

Auch der Kohlehandel meiner Familie, der Kohlehandel Barge, hat seine Wurzeln in dieser Zeit. Die Speicherstadt wurde später zu einem zentralen Umschlagsplatz für Importgüter — Kohle eingeschlossen.

Stadtgas: Erst Licht, dann Komfort

1844 ging in Hamburg eines der frühen deutschen Gaswerke in Betrieb. Wichtig zu verstehen: Das damalige Stadtgas — aus Kohle gewonnen — diente zunächst nicht zum Heizen, sondern zur Beleuchtung. Straßenlaternen, später Innenräume. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam Gas zum Kochen in Privathaushalten an.

Geheizt wurde weiter mit Kohle. Über Jahrzehnte. Selbst nach dem Ersten Weltkrieg, selbst nach dem Zweiten — Kohle blieb der Standard, weil sie verfügbar war und die Infrastruktur stand.

Heizöl: Der eigentliche Bruch

Der wirkliche Umbruch kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg. In den 1950er und 1960er Jahren verdrängte Heizöl die Kohle aus deutschen Heizungskellern — und das in atemberaubendem Tempo. Innerhalb einer Generation wurde aus dem Kohleland Deutschland ein Ölland.

Der Grund war nicht das Klima. Der Grund war Komfort.

Ölheizungen waren bequem: kein Schleppen von Kohleeimern, keine Asche entsorgen, kein händisches Anzünden. Man drehte am Thermostat, das Haus wurde warm. Mit dem Heizöltank im Keller war man unabhängig von täglicher Lieferung. Die Brenner-Technik wurde zuverlässiger, die Heizöl-Logistik baute sich aus, viele Kohlehändler stellten auf Mineralöl um — oder verschwanden vom Markt.

Diese Geschichte ist unbequem für die heutige Erzählung. Wer Wärmewende sagt, meint heute oft eine Bewegung aus Verantwortung. Damals war es eine Bewegung aus Bequemlichkeit. Wer das nicht im Kopf hat, unterschätzt, wie stark Komfort Energieentscheidungen prägt — heute genauso wie damals.

Erdgas und Fernwärme

Parallel zum Heizöl baute sich in den 1960er und 1970er Jahren das Erdgas-Netz in deutschen Städten aus. In Hamburg wurde das alte Stadtgas schrittweise auf Erdgas umgestellt. Erdgas war noch komfortabler als Heizöl: kein Tank, keine Lieferung, einfach Anschluss in der Wand.

In Hamburg spielt zusätzlich die Fernwärme eine größere Rolle als in vielen anderen deutschen Städten. Aus Kraftwerken und Müllverbrennungsanlagen wurde Wärme in zentrale Netze eingespeist und an angeschlossene Gebäude verteilt — Energie, die ohne Wärmenutzung sonst verpuffen würde.

Damit war die Wärmeversorgung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt: Heizöl, Erdgas, Fernwärme. Kohle spielte im Hausbrand kaum noch eine Rolle.

1973: Die Ölkrise als Wendepunkt

Was die Wärmeversorgung in Deutschland fundamental verändert hat, war kein Umweltgedanke — es war ein politischer Schock.

Im Oktober 1973 drosselten die OPEC-Staaten die Ölförderung. Der Ölpreis vervierfachte sich innerhalb weniger Monate. In Deutschland gab es autofreie Sonntage, Heizöl wurde knapp und teuer. Plötzlich war klar: Eine Volkswirtschaft, die ihre Wärme zu großen Teilen aus importiertem Öl bezieht, ist verwundbar.

Die Reaktion kam schnell: 1976 verabschiedet, 1977 in Kraft — die Wärmeschutzverordnung (WSchVO). Erstmals wurden in Deutschland gesetzliche Anforderungen an die Energieeffizienz von Neubauten definiert. Dämmung, U-Werte, Heizungsanforderungen — was heute selbstverständlich ist, war damals neu.

Die Linie reicht von dort bis heute:

  • Wärmeschutzverordnung 1977 — der Anfang.
  • Folgenovellen 1984 und 1995 — schärfere Werte.
  • Energieeinsparverordnung (EnEV) 2002 — Zusammenführung von Wärmeschutz- und Heizungsanlagen-Verordnung.
  • Mehrere EnEV-Novellen zwischen 2007 und 2016 — kontinuierliche Verschärfung.
  • Gebäudeenergiegesetz (GEG) 2020 — Bündelung von EnEV, EnEG und EEWärmeG in einem Gesetz.
  • GEG-Novelle 2024 — der oft so genannte „Heizungstausch" mit der 65-Prozent-Erneuerbare-Pflicht für neue Heizungen.

Aus einer Reaktion auf die Ölkrise ist über fast 50 Jahre ein dichtes Regelwerk geworden. Mit dem Klimaziel als neuer Leitlinie.

Heute: Wärmepumpe, Fernwärme, kommunale Wärmeplanung

Wo stehen wir jetzt? Der politische und technische Konsens für die nächsten zwei Jahrzehnte heißt:

  • Wärmepumpe als Standardlösung im Bestand und Neubau, wo es technisch und wirtschaftlich passt.
  • Fernwärme, wo Netze vorhanden oder ausbaubar sind — in Hamburg ein zentraler Pfeiler.
  • Solarthermie und PV zur Eigenversorgung und Lastreduktion.
  • Sanierung der Gebäudehülle, weil jede Kilowattstunde, die nicht gebraucht wird, die billigste ist.
  • Kommunale Wärmeplanung, die für jede Stadt und Gemeinde verbindlich klärt, welche Lösungen wo sinnvoll sind.

Hamburg hat hier strukturelle Vorteile: starke Fernwärme-Infrastruktur, hoher Anteil an Mehrfamilienhäusern (die sich für zentrale Lösungen besonders eignen), kommunale Wärmeplanung im fortgeschrittenen Stadium.

Was die Geschichte über die Gegenwart verrät

Drei Lehren aus 200 Jahren Hamburger Wärmeversorgung:

Erstens: Energiewenden brauchen Zeit. Vom Erkennen, dass Kohle keine Zukunft hat, bis zu ihrem tatsächlichen Verschwinden aus den Heizungskellern lagen Jahrzehnte. Die Erwartung, dass Wärmepumpe und erneuerbare Wärme über Nacht zum Standard werden, ist historisch unrealistisch. Was zählt, ist die Richtung — und die Konsequenz, mit der man sie verfolgt.

Zweitens: Komfort ist ein unterschätzter Treiber. Wer wechselt, wechselt nicht primär aus Idealismus, sondern weil eine neue Lösung das Leben einfacher macht. Wärmepumpen werden sich dann massenhaft durchsetzen, wenn sie genauso unkompliziert funktionieren wie eine Gastherme heute. Daran arbeitet die Branche — und an dieser Schnittstelle entscheidet sich auch der Erfolg meiner Beratungsarbeit: Eine Lösung muss zum Alltag der Menschen passen, nicht nur zum Klimaziel.

Drittens: Hamburg war immer Schauplatz dieser Wenden. Vom Kohleimporthafen über das frühe Gaswerk bis zur kommunalen Wärmeplanung — die Stadt war immer in Bewegung. Diese Tradition setzt sich fort.


Hinweis

Dieser Beitrag ist eine populärwissenschaftliche Übersicht. Genauere Daten zu spezifischen Programmen, Stichtagen und Förderkonditionen stehen in den weiterführenden Beiträgen oder direkt bei BAFA, KfW und IFB Hamburg.

Mehr zu meinem persönlichen Bezug zu dieser Geschichte: Über mich.

Konkretes Vorhaben?

Wenn dieser Artikel an einem konkreten Projekt anknüpft — etwa einer Heizungsentscheidung oder einem Bestandsgebäude in Hamburg — passt ein Erstgespräch oft besser als weiteres Lesen.

Projekt kurz schildern

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle Energieberatung, Rechts- oder Steuerberatung. Förderkonditionen und gesetzliche Vorgaben können sich kurzfristig ändern — bitte aktuelle Quellen prüfen oder direkt bei BAFA, KfW oder IFB Hamburg anfragen.

← Zurück zur Wissens-Übersicht